Warum manche Menschen nicht gerne teilen und wie ich auf einer Reise erlebte was es heißt, im Sandwich stecken zu bleiben.

Münchner Flughafen, 5 Uhr morgens. Die kalte Luft schneidet mir in die Wangen, während ich die Treppe hinunter auf die Landebahn steige. Es riecht nach Schnee, auch wenn keiner zu sehen ist. Von 38° Celsius auf -8° Celsius in weniger als einen Tag, das sind ganze 46° Unterschied! Wenn schon kein Temperaturschock, der kulturelle ist gewiss. Ich denke zurück an die sonnigen Tage in Goa, die bereits Jahrzehnte zurückzuliegen scheinen. Dann blicke ich in die grimmigen Gesichter der Menschen rundherum, die sich hinter schwarzen Kapuzen und Schals verstecken. Wieder bin ich an einem dieser Orte, die sich durch totale Sterilität und Anonymität auszeichnen. Einem dieser Orte, die auf dem Papier gar nicht existieren. In denen man sich weder im einen noch im anderen Land befindet. Zwischen Flugzeugschleusen, Passkontrolle und der Welt davor.

An einem dieser Transitorte habe ich schon einmal ganze 24 Stunden am Stück verbracht. Kurz nachdem ein südamerikanischer Präsident beschlossen hatte, dass er nicht nur Herrscher über sein Land, sondern auch der Herrscher über den Himmel war – und kurzerhand den Flug mehrerer hundert Menschen stornierte, um alleine mit der Maschine zu fliegen. So stand ich da, am 3. Februar 2017, alleine und knapp nach Mitternacht auf dem nach Kanalisation riechenden Flughafen von Bogotá. Ohne Unterkunft oder Visa oder Spanischkenntnisse, aber mit 24 Stunden Zwangsaufenthalt in einer Stadt, die ich nie sehen würde. Das einzige, was ich noch in meiner Handtasche fand: ein zerknautschtes Sandwich. Und genau dieses wurde mir zum Verhängnis.

Denn noch ehe ich mich versah, wurde mir das Sandwich im Menschengedränge aus der Hand gerissen. Als Sandwichräuber identifizierten sich zwei junge Brasilianer und eine Kolumbianerin, die unter großem Hunger zu leiden schienen. Und die, zu meiner Überraschung, auch noch Anstand bewiesen. „Sorry“, meinte einer von ihnen grinsend und gab mir das letzte Viertel des Sandwichs wieder zurück, „Wir haben kein Bargeld mehr für Essen und unser Flug wurde gerade um 15 Stunden verschoben. Aber wenn du willst, kannst du dich zu uns setzen. Da drüben.“ Er zeigte auf eine Ecke im völlig überfüllten Wartesaal. Südamerikaner scheinen eine seltsame Einstellung zum Teilen zu haben, doch in jenem Moment war mir die Gesellschaft eines jeden Recht, der Englisch sprach. Selbst skandalös anständige Sandwichräuber. Also sagte ich zu.

Zu meinem Glück identifizierten sich die beiden Brasilianer als begnadete Musiker, die Kolumbianerin als ziemlich gute Sängerin. Und wenn es etwas gibt, das einem solch absurden, trostlosen, „nichtexistenten“ Ort etwas Persönliches und Gemütliches einhaucht, dann ist es Musik. „In Brasilien würde man sagen, dass wir im Sandwich stecken geblieben sind“, meinte Esteban, der zweite Brasilianer, sarkastisch, „Auf der einen Seite wirst du von den Reichen bedrängt, die dein Land aufkaufen wollen, auf der anderen Seite wirst du von den Armen terrorisiert, die gar nichts haben und um ihr Überleben kämpfen. Dann kommst du weder vorwärts noch rückwärts. Genau wie jetzt.“ Er grinste, dann wurde er wieder ernst und stimmte mit seiner Gitarre ein Lied an, das den ganzen Wartesaal zum Lachen brachte.

Ich betrete den offenen Bereich des Münchner Flughafens und die Stimmung lichtet sich etwas. Dass man im Niemandsland auch mal stecken bleiben kann, ist das Berufsrisiko der Weltreisenden. Aber jetzt, wo ich so darüber nachdenke, bin ich fast froh darüber, noch ein paar Stunden hier am Flughafen warten zu müssen. So als eine Art klimatische und kulturelle Akklimatisierung. Hier, auf neutralem Boden, wo der alltägliche Trubel noch keine Bedeutung hat und wo Politik noch in ein Sandwich passt.

Anna Mayr