Warum Drogen manchmal Glück im Unglück bringen und wie ich auf einer Südamerikareise erlebte, dass Teilen sogar gegen Höhenkrankheit hilft. Erinnerungen einer Reisenden.

Manchmal genügt ein Wort oder ein Gegenstand und plötzlich sind sie wieder da, die Erinnerungen. So wie jetzt, wo ich in der Küche meines Bozner Gemeinschaftsbüros eine dampfende Tasse in Händen halte und zusehe, wie sich das Wasser darin grüngelb färbt. Den Geruch dieser südamerikanischen „Teeblätter“ vergisst man nicht so schnell. Nicht, wenn man sich einmal auf über 6.000 Höhenmetern im Schneesturm eine ganze Handvoll davon in den Mund gestopft hat – als würden sie einem das Leben retten. Die Rede ist von Koka-Tee, dem bolivianischen Nationalgetränk, aus dem auch Kokain gewonnen wird.

Etwas, über das ich mir dort oben, auf den schneeumkämpften Kämmen der Cordillera Real, zuerst wenig Gedanken gemacht habe. Bei minus zehn Grad und kohlschwarzer Nacht, in der ich mich mit Pickel und Steigeisen den Huayana Potosí im bolivianischen Hochland hinaufkämpfte. Jeder Schritt unendlich schwer, als hätte sich Blei in meinen Fersen festgesetzt. Blindlings klammerte ich mich im Schneesturm nur noch an eines: den Geschmack der Kokablätter, die mir Maurice alle paar hundert Meter reichte. Grasig und irgendwie auch staubig. Der Franzose selbst verschlang die Schokolade, die ich ihm geschenkt hatte. Grinsend, denn irgendwie war es ja auch spannend, am „Ende der Welt“ Schokolade und Kokablätter zu teilen, so wie es einst die Inkas gegen die Höhenkrankheit und allerlei Leiden getan hatten.

Dass am Koka-Konsum aber etwas mehr als ein romantischer Inkamythos haftet, zeigte sich am nächsten Tag. Die Cocaleros, wie sich die Koka-Bauern in Bolivien nennen, hatten in der Millionenmetropole La Paz den Zugang zum Stadtviertel verbarrikadiert, in dem sich der halblegale Kokamarkt befand – und zufällig auch meine Unterkunft. Zu Hunderten standen sie dort, die Bauern und Bäuerinnen in ihren bunten Trachten. Vom Ruhm ihrer Vorfahren, den Aymara und Inka, wussten sie wenig. Vom alten und ungleichen Kampf gegen Besatzer und Regierung hingegen zu viel.

Glück hat er den Indios noch nie wirklich gebracht, der Koka-Anbau: Nicht, als die spanischen Eroberer im 18. Jahrhundert begannen, die aufputschende Wirkung der Blätter an den Minenarbeitern zu missbrauchen. Nicht, als skrupellose, internationale Multikonzerne ihre Ausbeutung bis ins 20. Jahrhundert fortsetzten. Und auch dann nicht, als die Koka-Anbauflächen im bolivianischen Hochland teilweise legalisiert wurden und mit Evo Morales der erste indigene Kokabauer an die Regierungsspitze kam – denn um die Armut der Kleinbauern kümmert er sich wenig.

Ich nehme den „illegalen“ Teebeutel aus der Tasse und lächle traurig. Dass er auf mysteriöse Weise bis in eine Bozner Büroküche gelangt ist, ist ja irgendwie interessant. Und auch die Tatsache, dass Koka-Blätter im traditionellen Gebrauch kein Suchtpotenzial besitzen. Jedenfalls nicht mehr als Kaffee oder Zucker.

Anna Mayr