Warum geteiltes Essen doppelt so gut schmeckt und wie ich auf einer Afrikareise erlebte, dass Teilen sogar Morde verhindert. Erinnerungen einer Reisenden.

Ich sitze in der Bozner Wohnung eines Freundes und schaue zu, wie die Nudeln in der Pfanne brutzeln. Es riecht nach frischem Basilikum, Olivenöl und pikanter Tomatensauce, das Zischen in der Pfanne vermischt sich mit dem Radiogesäusel im Hintergrund. „Ich koche gerne, aber nicht für mich allein. Da schmeckt das Essen nur halb so gut“, sagt Sebastian und schaufelt mir schmunzelnd eine Kelle Nudel auf den Teller.

„Sehe ich genauso“, sage ich und erinnere mich an meine Afrikareise im vergangenen Jahr. Dort teilten sich Familienmitglieder und gute Freunde sogar den Teller aus dem sie aßen. Nicht, weil es nicht genügend davon gab. Sondern weil es eben anders schmeckt, das Essen, wenn man es teilt; irgendwie süßer und intensiver und würziger. Und weil es keinen größeren Freundschaftsbeweis gibt, als den anderen vom eigenen Teller essen zu lassen.

Manchmal rettet einem ein geteilter Teller sogar das Leben. So wie in Kamis dramatischer Geschichte. Eine Krankenschwester erzählte sie mir in Bafut, einem kleinen Dorf im Nordwesten Kameruns:

Mit verkrümmten Beinen auf die Welt gekommen, kroch Kami die ersten 13 Jahre seines Lebens auf Knien durch sein Leben. Bis er endlich einen Platz im Reha Center von Sajoca erhielt, wo seine Beine operiert werden sollten. Während seines Aufenthaltes im Krankenhaus brachte ihm sein Vater, so wie es im lokalen Sanitärsystem üblich ist, jeden Tag einen Teller Reis ans Krankenbett. Und jeden Tag teilte Kami das wenige Essen mit seinen zwei Zimmergenossen. So, wie er es von seinen Brüdern gelernt hatte.

Als plötzlich bei allen im Zimmer ähnliche Krankheitssymptome auftauchten, wurde die zuständige Krankenschwester misstrauisch und begann nachzuforschen. Und sie entdeckte das Unsagbare: dass Kamis Vater seinem Sohn täglich vergifteten Reis brachte. Die Scham, einen verkrüppelten Sohn zu haben, war zu groß für ihn geworden. Dass Kami, „der Glückliche“, wie die Übersetzung aus der Stammessprache heißt, überlebte, lag einzig seiner Gewohnheit zugrunde, sein Essen mit anderen zu teilen. So nahm jeder der Zimmerinsassen nur einen kleinen Teil des Giftes auf und überlebte es ohne größeren Schaden.

Noch immer dampfen die Nudeln in meinem Teller und ich stecke mir eine Gabel davon in den Mund. Sebastian schenkt uns ein Bier ein, das Essen schmeckt wunderbar. Erst vor einem Monat hat mir die Krankenschwester aus Sajoca ein Foto des 14-jährigen Kami geschickt. Schüchtern lächelt er in die Kamera und zeigt stolz seine Beine her, die stramm und gerade auf dem Boden stehen. Jetzt, wo er bei einer Tante wohnt. Und auch dort teilt man sich das Essen mit Familie und Freunden, selbst dann, wenn es einmal nicht mehr zu teilen gibt als eine Handvoll Reis.

Anna Mayr