Bereits im Kindesalter wird uns beigebracht, dass Teilen glücklich macht. Jetzt behaupten Forscher sogar, dass wir Menschen ohne das Teilen schon lange ausgestorben wären. Eine Analyse.

Geben und Nehmen haben im Zuge von Social Media und Cloud-Services eine ganz neue Bedeutung erhalten. War der Austausch von Informationen und das Teilen von Dingen ursprünglich nur im kleinen Kreis möglich, werden nun weltweit innerhalb Sekunden Informationen und Güter ausgetauscht und „viral“ gemacht. Die Vision einer zukunftsweisenden Teilökonomie rückt in den Vordergrund. Doch woher kommt dieses Bedürfnis, unserer Errungenschaften zu teilen beziehungsweise uns mitzuteilen?

Teilen als Urform des sozialen Austausches

Forscher sehen den Ursprung unseres Teilungsbedürfnisses bereits in der Urzeit. Als ursprünglichste Form des sozialen Austausches ist Teilen ein Selbstzweck ­– aber nicht nur. Denn anders als beim Kaufen steht dabei nicht der wirtschaftliche Vorteil im Vordergrund, sondern der zwischenmenschliche. Altruismusforscherin Sabine Tebbich von der Universität Wien und Philosoph Philip Kitcher von der Columbia-Universität New York bestätigen die Theorie: Teilen gehört zu den typischen Wesenszügen des Menschen.

Sie stützen ihre Behauptung auf wissenschaftliche Studien mit Kleinstkindern. Diese fanden heraus, dass Kleinkinder ganz unaufgefordert ihre Sachen teilen oder anderen zur Hand gehen, auch wenn sie dafür keine unmittelbare Gegenleistung erwarten können. Und sogar dann, wenn sie dafür auf einen Teil ihres Besitzes verzichten müssen. Die Schlussfolgerung: Als soziale Wesen sind wir geradezu darauf programmiert, mit anderen in Kontakt zu treten und, im weiteren Sinne, durch das Teilen von Ressourcen, Kraft und Wissen den Fortbestand der eigenen Spezies zu sichern.

Wie beim Teilen in unseren Gehirnen Endorphine freigesetzt werden

Mitschuld tragen dabei biologisch gesehen wieder einmal die Glückshormone, die für unser Wohlbefinden verantwortlich sind. Sie sind es, mit denen uns unser Gehirn für die erwiesene Großzügigkeit belohnt.

Bereits der bloße Gedanke daran, großzügig zu sein, löst laut Recherchen der New York Times positive Reaktionen in unserem Gehirn aus. Forscher in  Neuseeland bestätigten diese Theorie mit einer eigenen Studie: Über einen längeren Zeitraum schenkten sie Leuten Geld und forderten sie dazu auf, das Geld entweder für sich selbst oder für andere auszugeben. Das Resultat: Bei all jenen Studienteilnehmer, die das Geld für andere ausgaben, war eine positivere Grundstimmung festzustellen als bei jenen, die es für sich selbst ausgaben.

Wie uns Krisensituationen zum Teilen anregen

Auch für den internationalen World Happiness Report, der die durchschnittliche Zufriedenheit aller Nationen zu bestimmen versucht, ist Großzügigkeit eines der wichtigsten Kriterien. Ganz im Gegenteil zum Einkommen der Menschen, das die Teilbereitschaft und Zufriedenheit einer Bevölkerung weniger zu beeinflussen scheint. So spendeten in den vergangenen Jahren auch runde sechs Prozent der Arbeitslosen in Deutschland Blut, was nicht weniger oft als der Rest der Bevölkerung ist.
Und auch zur Zeit der weltweiten Wirtschaftskrise 2008, in der viele Menschen um ihre finanzielle Zukunft bangten, wurde nicht weniger geteilt. Ganz im Gegensatz: Tausch- und Teilkreise nahmen in jene Zeit sogar zu.

Ob uns das Teilen wirklich in der DNA liegt oder nicht, bleibt dahingestellt. Fakt ist jedoch, dass wir besonders in Krisensituationen unsere evolutionsbedingten Urinstinkte wiederzuentdecken scheinen – und uns an die Zeiten zurückerinnern, in denen uns das Teilen noch leichter fiel.